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Kategorie D: Anstoßen. „Ehrenamt neu denken. Wandel anstoßen.“

Projekt: Wi sünd dor – ein solidarisches Netzwerk für älter Menschen in Neukloster und ländlichem Umland | Wi sünd dor

Interview mit Janine Friedrich, Vorstand & Gründerin

Worum geht es in eurem Projekt ganz konkret und wie kamt ihr auf die Idee?

Bei unserem Projekt „Wi sünd dor“ geht es um eine solidarische Gemeinschaft im Alltag. Wir möchten Menschen miteinander verbinden, damit Hilfe nicht erst dann entsteht, wenn eine Krise da ist, sondern schon vorher durch echtes Miteinander. Ganz konkret bedeutet das: Menschen unterstützen sich gegenseitig – zum Beispiel mit kleinen Besorgungen, Fahrten, Besuchen, gemeinsamen Spaziergängen oder einfach dadurch, dass jemand nachfragt, wenn man länger nichts voneinander gehört hat. Gerade im ländlichen Raum fehlen oft Angehörige in der Nähe oder soziale Kontakte. Genau dort möchten wir ansetzen. Die Idee ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern direkt aus unserer Arbeit im Glücksbote e.V.. Wir haben früh gemerkt, dass rund um unsere Angebote ganz selbstverständlich Gemeinschaft entstanden ist: Menschen haben Telefonnummern ausgetauscht, sich gegenseitig besucht, Hilfe angeboten oder einfach aufeinander geachtet. Irgendwann wurde uns klar: Da entsteht etwas Wertvolles, das viele Menschen brauchen. Und daraus entstand „Wi sünd dor“ – ein bewusst aufgebautes Netzwerk aus Menschlichkeit, Nachbarschaftshilfe und gegenseitigem Dasein.

Mecklenburg-Vorpommern ist groß und vielfältig – welche Bedeutung hat euer Projekt speziell für unser Bundesland und die Menschen hier vor Ort?

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland mit vielen ländlichen Regionen. Genau dort merken wir immer stärker, wie wichtig soziale Nähe und verlässliche Gemeinschaft werden. Der demografische Wandel ist bei uns längst Realität: Die Menschen werden älter, viele junge Familien ziehen für Arbeit oder Ausbildung weg und Angehörige wohnen oft nicht mehr im selben Ort oder sogar nicht mehr im selben Bundesland. Gleichzeitig werden familiäre Strukturen heute oft anders gelebt als früher. Früher gab es häufiger mehrere Generationen in direkter Nähe – heute sind viele Menschen im Alltag deutlich mehr auf sich allein gestellt.

Gerade ältere Menschen wünschen sich trotzdem möglichst lange Selbstständigkeit und ein Leben in ihrer vertrauten Umgebung. Dafür braucht es aber nicht nur professionelle Pflegeangebote, sondern auch menschliche Nähe, soziale Kontakte und kleine Unterstützungen im Alltag. Genau hier setzt „Wi sünd dor“ an: Wir schaffen Räume und Strukturen, in denen Gemeinschaft wieder erlebbar wird. Menschen sollen wissen:
Da ist jemand erreichbar. Da fragt jemand nach. Da muss niemand alles allein schaffen.

Unser Projekt stärkt nicht nur einzelne Menschen, sondern auch den Zusammenhalt vor Ort. Und gerade für Mecklenburg-Vorpommern sehen wir darin eine große Chance:
Nicht nur Versorgung zu denken, sondern echte Gemeinschaft.
Denn ländliche Regionen brauchen Orte, Netzwerke und Angebote, die Menschen miteinander verbinden und Einsamkeit vorbeugen, bevor daraus größere soziale Probleme entstehen.

Gänsehaut-Moment: Gab es diesen einen Augenblick, in dem ihr wusstet: ‚Genau dafür machen wir das alles!‘? Welcher war es?

Ja, diesen Moment gab es tatsächlich. Ein echter Gänsehaut-Moment war für uns, als wir eine E-Mail aus Rostock bekommen haben. Darin fragte jemand, ob es „Wi sünd dor“ bzw. den Glücksbote e.V. oder ein ähnliches Angebot auch in Rostock und Umgebung gibt.

Das hat uns unglaublich bewegt. Denn in diesem Moment haben wir verstanden:
Die Idee erreicht längst nicht mehr nur unser direktes Umfeld. Menschen erkennen sich darin wieder – auch weit über unsere Region hinaus. Und gleichzeitig wurde uns dabei ganz deutlich bewusst, wie groß der Bedarf eigentlich ist. Viele Menschen wünschen sich genau das: verlässliche Gemeinschaft, menschliche Nähe und das Gefühl, nicht allein zu sein. Diese Anfrage hat uns gezeigt, dass der Glücksbote e.V und „Wi sünd dor“ nicht nur ein kleines lokales Projekt ist, sondern möglicherweise eine Antwort auf ein viel größeres gesellschaftliches Thema – gerade in Mecklenburg-Vorpommern und in ländlichen Regionen. Das war einer dieser Momente, in denen wir dachten: Genau dafür machen wir das.

Ehrenamt ist nicht immer nur Glitzer. Was war die verrückteste Hürde, die ihr nehmen musstet, und wie viel Kaffee (oder Fischbrötchen) war nötig, um das zu überstehen?

Ehrenamt ist tatsächlich nicht immer nur Glitzer – gerade am Anfang braucht es oft vor allem Geduld, Herzblut und Durchhaltevermögen. Einer der bewegendsten Momente war ganz zu Beginn in unserer Begegnungsstätte. An einem Tag kam genau eine Seniorin zu unserem Angebot. Sie setzte sich hin und fragte ganz vorsichtig: „Bin ich die Erste?“

Wir haben gemeinsam Kaffee getrunken, geredet und einfach Zeit miteinander verbracht. Drei Tassen Kaffee später fragte sie dann: „Bin ich eigentlich die Einzige hier?“ Und ja – an diesem Tag war sie tatsächlich unsere einzige Besucherin. Natürlich gab es Momente, in denen wir uns gefragt haben: Wird das überhaupt angenommen? Machen wir genug?
Lohnt sich all die Arbeit? Aber genau in diesem Augenblick wurde uns auch klar:
Ja. Genau dafür machen wir das. Denn wenn selbst nur ein Mensch Gemeinschaft, Nähe und einen schönen Nachmittag erlebt, dann hat es bereits einen Wert. Und das Schöne ist: In den Wochen danach wurden es immer mehr Menschen. Irgendwann hatten wir plötzlich eher Sorge, dass der Platz nicht mehr reicht. Das beschreibt Ehrenamt eigentlich ziemlich gut: Eine Idee entsteht nicht von heute auf morgen als großes Projekt. Sie braucht Geduld, Überzeugung und Menschen, die weitermachen, auch wenn anfangs vielleicht nur eine Person am Tisch sitzt. Und ja – Kaffee hat dabei definitiv geholfen.

Wir beamen uns fünf Jahre vor: Was ist die schönste Schlagzeile, die wir dann über euch lesen werden?

Die schönste Schlagzeile wäre für uns wahrscheinlich: „Aus einer kleinen Idee in Mecklenburg-Vorpommern wurde ein Modellprojekt für gelebte Gemeinschaft im ländlichen Raum.“ Das wäre wirklich unser Wunsch: Dass sich die Idee von „Wi sünd dor“ weiterträgt und auch andere Regionen Mut bekommen, ähnliche Gemeinschaftsnetzwerke aufzubauen. Denn wir glauben, dass viele Menschen genau das brauchen: Orte und Strukturen, in denen man füreinander da ist, sich kennt und sich gegenseitig unterstützt. Wenn wir in fünf Jahren sagen könnten, dass durch diese Idee viele Menschen weniger einsam sind, länger selbstständig leben können und wieder mehr Zugehörigkeit erleben – dann wäre das für uns der größte Erfolg überhaupt.

Nicht, weil unser Name irgendwo steht. Sondern weil Gemeinschaft wieder selbstverständlicher geworden ist.

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